Frischer Wind inmitten der Rohstoff-Krise

Rohstoffknappheit kann gelöst werden – auch durch den Rückbau und das Recyclen von nicht mehr genutzten Rohstoffen. Das Thema Rohstoffknappheit beschäftigt nicht nur Häusle­bauerinnen und -bauer, die gesamte Baubranche ist stark betroffen. Im Interview erklärt Dr. Carsten Zilg, Leiter Forschung und Entwicklung bei Sievert, welche Maßnahmen das Unternehmen schon jetzt umsetzt, um dem Rohstoff­mangel etwas entgegenzusetzen.

Dr. Zilg, wie stark hat die Rohstoffknappheit das Unternehmen Sievert getroffen?

Dr. Z: Es gibt in Deutschland 18 Sievert-Mörtelwerke. Die kann man sich wie eine Sanduhr vorstellen, durch die die ganze Zeit Rohstoffe hindurchlaufen. Oben bildet sich ein Trichter, der immer größer wird. Das bedeutet, der Umkreis, aus dem die Rohstoffe für das Werk geholt werden müssen, wird immer größer. Dadurch steigen auch die Logistikkosten und wir müssen uns fragen: Woher bekommen wir jetzt mehr Rohstoff? Die Rohstoffknappheit kommt also auf leisen Sohlen.

 

Inwieweit hat die Pandemie das Problem der Rohstoffknappheit verstärkt?

Dr. Z: Corona ist wie ein Brennglas. Es macht bestehende Probleme stärker sichtbar. Plötzlich waren die Lieferketten für praktisch alle Rohstoffe gestört oder sogar unterbrochen. Da gilt es dann nachzuforschen: In Deutschland haben wir genug Sand- und Kiesvorkommen, aber letzten Endes will niemand mehr eine Sandgrube vor seiner Haustür haben, damit diese Rohstoffe abgebaut werden können. Denn um daran heranzukommen, muss Natur zerstört werden. Dafür gibt es keine gesellschaftliche Akzeptanz mehr.

„Zunächst haben wir uns gefragt, was mit den Rohstoffen am Lebenszyklusende passiert: Was ist eigentlich mit dem ganzen Mauerwerksabbruch und dem Infrastrukturabbruch. Kann man das alles nicht wiederverwerten?“

Dr. Carsten Zilg, Leiter Forschung und Entwicklung bei Sievert

 

Wie reagieren Sie in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung auf diese Herausforderungen?

Dr. Z: Zunächst haben wir uns gefragt, was mit den Rohstoffen am Lebenszyklusende passiert: Was ist eigentlich mit dem ganzen Mauerwerksabbruch und dem Infrastrukturabbruch. Kann man das alles nicht wiederverwerten? Dafür haben wir unter anderem mit Betonrecyclingfirmen kooperiert und das Recyclat, das dort hergestellt wird – also das, was beispielsweise bei einem Rückbau einer Autobahn durch Brechen und Mahlen zurückgewonnen wird –, mit Sand zusammengeführt. Anschließend haben wir es durch die Anlage laufen lassen und festgestellt: Die Qualität ausgewählter Produkte wird davon nicht negativ beeinflusst. Gut war auch, dass es für das Betonrecyclat schon eine Baustoffnorm gab. So konnten wir den zugelassenen Baustoff einfach einsetzen und diesen Versuch in unseren Werken fortsetzen.

 

Aber auch Sekundärrohstoffe sind ja vermutlich endlich.

Dr Z: In den Ballungsgebieten und großen Städten fällt genügend Infrastruktur-Rückbaumaterial an. Konkret gibt es bei Sievert bereits in Berlin und Hannover Pläne, um auch dort Betonrecyclate einzusetzen. In unserem Werk in Hannover will ein Unternehmen eine neue Recycling-Anlage direkt neben unserem Werk aufbauen. Tatsächlich reicht das Aufkommen an Sekundärrohstoffen aber nicht aus, um den Bedarf der Baustoffbranche für Gesteinskörnung zu decken.

Gibt es weitere Projekte von Sievert, die die Rohstoffknappheit ausgleichen könnten?

Dr. Z: Für ein weiteres Projekt sind die Ziegelhersteller an uns herangetreten. In der Ziegelherstellung gibt es viele Fehlbrände und auch Ziegelrisse. Auch vom Mauer-Rückbau gibt es Ziegelrückstände. Unsere Idee: Wenn wir den ganzen Ziegelbruch zusammenkleben könnten, hätten wir wieder neues Material, einen ohne weiteren Brennvorgang hergestellten „Kaltziegel“. 

Dafür haben wir uns mit Kooperationspartnern zusammengetan und einen Mörtel hergestellt, mit dem man Ziegelbruch kleben kann, damit daraus wieder ein Ziegel wird, der ähnliche Eigenschaften aufweist wie das Original. Der Mörtel ist einerseits ein Betonstein und andererseits besteht er bis zu 40 Prozent aus Ziegel. Im nächsten Schritt soll bei unseren Ziegelpartnern eine Pilotanlage für diese neue Technologie entstehen. Dort könnten mehrere zehntausend Tonnen Ziegelbruch zu Ziegelsteinen recycelt werden. Den Kleber in Form von Werktrockenmörtel würde Sievert liefern.

 

Betonrecyclate und Kaltziegel: Das müsste doch in Bezug auf das Thema Nachhaltigkeit gut ankommen. Was sind die Herausforderungen bei der Herstellung?

Dr. Z: Die Bedenken kommen meistens von extern, was uns allerdings hilft, die Produkte besser zu machen. Dann wendet sich ein Werksleiter an uns und sagt: „Das Betonrecyclat ist nicht rund genug, was ist mit meinen Produktionsanlagen, bekommen die dadurch nicht einen höheren Verschleiß?“ Oder Anwendungstechniker: „Fürs Auftragen müsste der Mörtel aber noch geschmeidiger sein.“ Bei Sievert haben wir allerdings das geballte Baustoff-Know-how, um genau solche Nachteile auszugleichen.

Bei der Kaltziegel-Herstellung muss unter anderem die Druckfestigkeit der Originalziegel erreicht werden. Der Kleber muss also zusammen mit dem Ziegelbruch ein homogenes Gefüge bilden, um eben diese Druckfestigkeit zu erhalten. Im Detail steckt natürlich viel Arbeit, das Projekt hat immerhin drei Jahre gedauert.

Kaltziegel aus recyceltem Ziegelbruch

Können sich Kundinnen und Kunden trotz Rohstoffknappheit mit diesen neuen Verfahren auf Einsparungen freuen?

Dr. Z: Nun, wenn das Erdöl beispielsweise 50 Dollar pro Fass kostet, will niemand Windräder haben. Wenn das Erdöl mehr als 100 Dollar pro Fass kostet, wird Windenergie plötzlich interessant.

Wenn in der Baubranche die Rohstoffe teurer werden, dann können wir mit Lösungen und Materialien arbeiten, die man in der Vergangenheit eher nicht genutzt hat, weil sie zu teuer waren. Durch einen steigenden CO2-Preis und andere umweltbezogene Kosten verschieben sich die Koordinaten, sodass ressourcenintensive Rohstoffe aus den Trockenmörtelrezepturen in der Entwicklung herausgenommen werden und zum Beispiel durch Sekundärrohstoffe ersetzt werden.

 

Wie helfen die Sievert-Innovationen schon jetzt bei der Rohstoffknappheit?

Dr. Z: Der Kaltziegel ist ein Beispiel dafür, wie neue Trockenmörtelrezepturen ökologisch günstigere Produkte für die Baubranche liefern könnten. Wir werden aber auch den Anteil der Sekundärrohstoffe in den Trockenmörtelrezepturen steigern. Heute setzen wir schon Hüttensand, der als Nebenstrom aus der Stahlgewinnung anfällt, bei Glasperlen aus dem Altglasrecycling ein. Auch das Betonrecyclat gehört zu den großen Themen, die wir jetzt schon angegangen sind.

Neben dem Schließen der Stoffkreisläufe auf der Rohstoffseite und der Erweiterung des Angebotes an Trockenmörtelrezepturen, die ein weniger belastendes Bauen und eine energieeffiziente Nutzung der Gebäude ermöglichen, schauen wir uns auch den ökologischen Fußabdruck unserer eigenen Fertigungsprozesse an. Auch dort gibt es Produktionsnebenströme, deren Entsorgung wir vermeiden möchten. Eine Lösung dafür wäre, hergestellte Trockenmörtelrezepturen durch Trennverfahren wieder in ihre Bestandteile zu zerlegen, sodass diese sortenrein neu eingesetzt werden können. Das hat mit Bezug auf die Sandrückgewinnung im Pilotmaßstab schon erfolgreich funktioniert – dieses Verfahren werden wir zukünftig in allen Werken nutzen.

„Bauen will jeder, aber die Natur schädigen, um Primärrohstoffe zu gewinnen, will niemand.“

Dr. Zilg, ist der Weg der Nachhaltigkeit also der Weg aus der Rohstoffknappheit?

Dr. Z: Die Antwort darauf ist die Kreislaufwirtschaft, eindeutig. Der Gesetzgeber trägt den Erkenntnissen Rechnung, dass Rohstoffe endlich sind. Aber auch hier ist das Thema gesellschaftliche Akzeptanz wichtig. Die Menschen wollen keine Mülldeponie vor der Tür haben, der Gesetzgeber vergibt daher ungern neue Genehmigungen. In einigen Regionen haben wir heute weniger als 10 Jahre Deponiekapazität, darauf reagieren wir. Wir müssen unsere Geschäftstätigkeit immer so gestalten, dass sie gesellschaftlich akzeptiert wird. Bauen will jeder, aber die Natur schädigen, um Primärrohstoffe zu gewinnen, will niemand. Das ist nachvollziehbar, legt aber die Messlatte zur Erarbeitung neuer Lösungen in der Forschung sehr hoch. Bisher haben wir immer eine Lösung gefunden, aber graue Haare kriegt man davon allemal.  

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